Afrika: Warten auf den Weizen | DW

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Endlich bewegt sich etwas. Zwei Dutzend Schiffe haben nach Angabe des Joint Coordination Centre seit Ende der Schwarzmeer-Blockade im Juli ukrainische Häfen verlassen. Geladen haben sie Mais, Sonnenblumenöl und – vor allem – den lang ersehnten Weizen. Wertvolles Gut für eine hungernde Welt: In Ostafrika liegt die Zahl der akut Hungernden laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) bei 89 Millionen – fast einem Drittel der Bevölkerung (Stand Juni). Das vierte Jahr in Folge sind am Horn von Afrika die Regenfälle ausgeblieben. Auch in Nahost und in den anderen Regionen Afrikas ist die Zahl der Hungernden im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gestiegen, die Lebensmittelpreise explodieren. Doch bislang hat nur ein einziges Schiff, die “Brave Commander”, Kurs auf einen afrikanischen Zielhafen genommen.

Für Noncedo Vutula, die in Kapstadt zu landwirtschaftlichen Fragen, Handel und regionaler Verflechtung forscht, lässt sich aus der akuten Knappheit von Getreide vor allem eine Lehre ziehen: “So sehr wir den Welthandel unterstützen, sollten wir doch immer für eine Vielfalt der Partner sorgen.” Die Abhängigkeit von Russland und der Ukraine sei in Afrika groß, betont Vutula im DW-Interview. Allein die Ukraine habe bisher 16 Prozent der afrikanischen Weizenimporte ausgemacht. “Besonders in Afrika hat uns das sehr verwundbar gemacht.” 

Ein Schiff, auf dem große Hoffnung ruht 

Inzwischen hat die “Brave Commander” vor Istanbul ihren Anker ausgeworfen, damit ihre Ladung kontrolliert werden kann. An Bord hat sie 23.000 Tonnen Weizen mit Kurs Dschibuti, eine Lieferung des Welternährungsprogramms. Von dort solle die Fracht sich in den nächsten Tagen auf den Weg nach Äthiopien machen und etwas mehr als 1,5 Millionen Menschen einen Monat lang versorgen, sagt Martin Frick, Direktor des WFP-Büros für Deutschland, Österreich und Liechtenstein, der DW.

Noch liegt die “Brave Commander” in Istanbul vor Anker. Ihre Ladung wird in Äthiopien sehnlichst erwartet.

Die Frage, wie schnell weitere Schiffe folgen sollen, beantwortet er zurückhaltend: “Wir sind gerade auf allen Kanälen dabei, mit unseren Hauptgebern zu sprechen, dass wir mehr Geld bekommen.” Denn der Bedarf sei enorm. “Wir versuchen, soweit wir irgend können, die Menschen weiter zu versorgen. Wir haben zu wenig Geld, wir haben zu wenig Lebensmittel, aber wir versuchen, zu priorisieren und denjenigen zuerst zu helfen, die jetzt ganz akut betroffen sind.” Die Lage in Ostafrika sei dramatisch, die Menschen dort erlebten die schlimmste Dürre seit vierzig Jahren. 

Warum Irland, Italien und China vor Afrika an der Reihe waren 

Immerhin: Die Entwicklung des Schiffsverkehrs auf dem Schwarzen Meer lasse hoffen. “In dem Maße, in dem sich das normalisiert, werden auch andere Kosten etwas geringer werden wie zum Beispiel Versicherungen, die ja sehr nervös darauf reagieren, wenn diese Handelsrouten gefährdet sind.” Die Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs habe die Preise um etwa zehn Prozent fallen lassen, damit lägen sie aber immer noch 16 Prozent über Vorjahresniveau.

Dass mit der “Brave Commander” nach drei Wochen erst ein Schiff auf dem Weg nach Afrika ist – nach zahlreichen Lieferungen in die Türkei, nach Italien, Irland oder China – sorgt bisweilen für Irritationen. Doch die Verantwortlichen sehen hier kein Problem: Die Verträge müssten eben abgewickelt werden. Auch der Göttinger Agrarökonom Stephan von Cramon-Taubadel setzt im DW-Gespräch auf die indirekte Wirkung des Handels: So würden die niedrigeren Weltmarktpreise es für Großhändler in Afrika, aber auch für die UN, leichter machen, Weizen einzukaufen. “Zunächst ist es so, dass Schiffe erst einmal rausmüssen mit Ladung, die schon länger vorbestellt ist.” 

Wer an dem Weizen verdient 

Die Lieferungen können überhaupt erst wieder aus der Ukraine verschifft werden, seitdem je ein Abkommen mit der Ukraine sowie Russland den Transport durch sichere Korridore im Schwarzen Meer sowie Inspektionen in Istanbul regeln. Zuvor hatte Russlands Militär die Ausfuhren völlig zum Erliegen gebracht. Doch anscheinend ist das nicht der einzige Weg, wie ukrainischer Weizen inzwischen wieder auf die Weltmärkte gelangt: Kiew wirft Russland vor, Weizen zu stehlen und als vermeintlich russisches Gut zu verkaufen.  

Als Russlands Außenminister Sergei Lawrow jüngst durch Afrika tourte, konnte er das Weizenexport-Abkommen verkünden

Ein Geschäft, aus dem die Lokalverwaltungen der russisch besetzten Gebiete keinen Hehl machten, sagt von Cramon-Traubadel. Zudem gäben Daten von Transpondern, mit denen Handelsschiffe jederzeit ihren Standort anzeigen müssten, Aufschluss – zuletzt hätten aber auffallend viele russische Schiffe diese Transponder ausgeschaltet. “Technisch ist es möglich, die Herkunft des Weizens zu kontrollieren”, so der Göttinger. Aber für die Zielländer sei die Herkunft derzeit zweitrangig: “Das ist eine kostenspielige Sache – und zudem wird der Handel dadurch verlangsamt in einer Zeit, wo wir wollen, dass das Getreide möglichst schnell aus der Schwarzmeerregion in die Teile der Welt fließt, wo es benötigt wird.”

Der Export helfe, die Speicher endlich freizumachen für die neuen Ernten: Zurzeit müssten monatlich Mengen um die sechs Millionen Tonnen raus aus den Speichern. Einige afrikanische Regierungen unterhalten ohnehin gute Beziehungen zu Russland und dürften sich im Zweifelsfall auch wenig daran stören, wenn es geklauter Weizen ist, der in ihrem Land den Hunger stillt. Die USA drohten jedoch Anfang August mit Gegenmaßnahmen, sollten Drittländer die Russland-Sanktionen unterlaufen. 

Raus aus der Abhängigkeit 

Unterdessen richten Forscherinnen wie Noncedo Vutula den Blick nach vorne und überlegen, wie der Ausweg aus der Abhängigkeit gelingen kann – auf einem Kontinent, der große ungenutzte Flächen aufweist. “Manche Länder wie Äthiopien, Südafrika, Tansania und Nigeria produzieren Weizen, doch es reicht nicht, um den Bedarf in Afrika zu decken”, sagt Vutula. Dieser sei auch deshalb so groß, weil Weizen vielfach weiterverarbeitet werde, etwa in Form von Brot oder Nudeln konsumiert werde. Bei der Produktion sieht sie Luft nach oben, verweist auf Programme der Afrikanischen Entwicklungsbank AfDB zur Bewässerung und für hitzebeständiges Saatgut. Doch diese seien eher langfristiger Natur. 

Woher kommt der Weizen? Bei den Endabnehmern (hier ein Markt in Mogadischu) dürfte diese Frage zweitrangig sein.

Mittelfristig sieht Vutula noch einen anderen Ausweg: Endemische Getreidesorten und hitzebeständige Knollenfrüchte wie Maniok könnten den fehlenden Weizen teils ersetzen, schätzt sie. Maniok sei “100-prozentig nahrhaft” – doch für Länder außerhalb der Hauptanbaugebiete zurzeit noch von geringem Interesse. “In West- und Zentralafrika findet er weite Verwendung, aber nicht im südlichen Afrika. Wenn Maniok – etwa zu Mehl – weiterverarbeitet wird, könnte er zum Ersatz von Weizen herangezogen werden.” 

Doch auch diese Maßnahmen dürften keine Antwort auf den akuten Hunger in weiten Teilen Afrikas sein. Und so ruhen die Augen weiter auf Dschibuti und möglichen weiteren Lieferungen aus der Ukraine. WFP-Bürodirektor Martin Frick sagt, er hoffe, dass aus den drei wichtigsten ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer bald erhebliche Mengen an kommerziellen Getreideexporten auf die Weltmärkte gelangen könnten. 

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