Biogas-Boom in Dänemark: Und Deutschland? | DW

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Wer über die deutsche Grenze bei Flensburg nach Dänemark fährt, braucht nicht lange, bis die ersten Biogasanlagen in den Blick kommen. Leicht zu erkennen an den hohen Türmen der Fermenter, in denen Bakterien das Biogas erzeugen. Und auch der Geruchssinn ortet sie schnell. Dass es bisweilen streng oder – frei nach Shakespeare – faul im Staate Dänemark duftet, wird in Kauf genommen. Die Regierung in Kopenhagen setzt auf einen konsequenten Biogas-Ausbau, um die Abhängigkeit von fossilem Erdgas zu beenden.

Eine der größten Anlagen des Landes arbeitet in der Gemeinde Korskro, rund 15 Kilometer von der Hafenstadt Esbjerg an der Nordseeküste entfernt. Dort produzieren Mikroben in acht Fermentern und einem Fassungsvermögen von 9000 Kubikmeter rund um die Uhr Biogas. Zum Einsatz kommen dafür vor allem Gülle und Dung von regionalen Landwirten, wie Mette Hansen vom dänischen Betreiber Nature Energy berichtet.

Ingenieurin Mette Hansen zeigt die Rohstoffe für das Biogas: vor allem Dung, der mit Gülle gemischt wird, kommt in die Fermenter.

Nur noch Biomethan statt fossiles Erdgas

Die Anlage in Korskro ist eine von 50, die in Dänemark Biomethan in das Pipelinenetz einspeisen. Ende 2021 wurde mit Biogas bereits ein Viertel des heimischen Gasbedarfs abgedeckt. 2034, so die Pläne, sollen es 100 Prozent sein – hergestellt vor allem aus heimischen Reststoffen. So soll Erdgas aus Offshore-Förderung ersetzt werden.

Die Skandinavier sind anders als Deutschland nicht auf Erdgas-Importe aus Russland angewiesen, sondern exportieren voraussichtlich noch bis 2035 Gas. Allerdings gibt es derzeit Probleme mit der Produktion des Offshore-Gasfelds Tyra. Das Biomethan kommt da gerade recht. Zumal die Erzeugung wirtschaftlich ist. “Wer bei diesen hohen Preisen kein Geld verdient, ist selber schuld”, so Mette Hansen.

Die Bioenergieanlage in Korskro

Biogas in Deutschland kaum für Stromproduktion genutzt

Biogas besteht zu 60 Prozent aus Methan und 40 Prozent aus Kohlendioxid. In Deutschland wird dieses Gemisch in mehr als 95 Prozent aller Fälle zu Strom und Wärme umgewandelt. Lediglich 250 von insgesamt 10.000 Biogasanlagen in Deutschland bereiten Biomethan für das deutsche Gasnetz auf. Sie sorgen laut Fachverband Biogas (FV) für ein Prozent des hiesigen Gasbedarfs.

Ein Grund: “Viele Anlagen liegen zu weit entfernt vom Gasnetz oder sind zu klein, Umrüstungs- und Anschlusskosten wären zu hoch”, sagt FV-Sprecher Jörg Schäfer. Bei immerhin 2000 Anlagen könnte sich das aber grundsätzlich rechnen. Das Problem: Es fehlen Anreize. Zwar hat die Regierung angekündigt, jährlich rund 600 Megawatt (MW) Biomethan auszuschreiben, aber mit Ausschreibungen alleine sei es nicht getan, moniert der FV. Schließlich seien in der Vergangenheit die Auktionen für Biogas wegen fehlender Wirtschaftlichkeit bei weitem nicht ausgeschöpft worden.

Die Betreiber fordern eine Sicherheit, etwa eine vom Staat garantierte Erlösgarantie, für den Fall, dass die Gaspreise wieder abstürzen. “Sonst wird es schwierig, für die notwendigen Investitionen eine Finanzierung zu finden”, so Schäfer. Außerdem gebe es regulatorische Hemmnisse etwa im Baugesetzbuch. Technische Restriktionen gibt es dagegen nicht. “Nach der Gasnetzzugangsverordnung genießt Biomethan gegenüber Erdgas eine bevorzugte Zugangsberechtigung zum Gasnetz”, heißt es beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs.

Grüne Einwände gegen Strom aus Biogas

Aber es existieren politische Hürden. So kritisiert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dass tausenden Anlagen, die nach 20 Jahren aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz laufen und nicht mehr weiter gefördert würden, die Stilllegung drohe.

Doch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz winkt ab. “Begrenzte nachhaltige Biomassepotenziale machen eine substantielle Steigerung der Biomethanproduktion zum Ersatz von Erdgas mittel- und langfristig kaum möglich und auch nicht zwingend sinnvoll”, so das Ministerium auf Anfrage. Hintergrund der Skepsis sind auch parteipolitische Gründe. So haben gewichtige Teile der Grünen grundsätzliche Vorbehalte gegenüber Bioenergie. Sie fürchten eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. Das gilt selbst für Reststoffe, könnte doch die Nutzung von Dung und Gülle die Massentierhaltung legitimieren.

“Bioabfall landet noch immer oft im Restmüll”, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. 39 Prozent des Restmülls hierzulande seien Bioabfälle. Viel Potential für Biogas.

Die Verbände sehen dagegen noch sehr viel Potenzial. So nutze Deutschland derzeit erst rund die Hälfte möglicher organischer Reststoffe, die bei Kommunen, der Industrie und Landwirten anfallen zur Biogasproduktion, erklärt der FV Biogas. Und nach einer Studie der TU Harburg kommt bisher erst ein Viertel des in deutschen Haushalten anfallenden Bioabfall in die Biogasverwertung. Wenn Deutschland solche Reststoffe konsequent erschließe, könnte das Land rund zehn Prozent seines Gasbedarfs mit Biomethan decken, rechnet der BDEW vor.

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