Cherson: Der Kampf um das Tor zur Krim | DW

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Es begann mit Löchern in der Fahrbahn. Handyvideos zeigten am 19. Juli Spuren von Raketeneinschlägen auf der Antoniwskyj-Brücke, der größten und wichtigsten in der von russischen Truppen besetzten südukrainischen Stadt Cherson. Die ukrainische Armee setzte dort die neu eingetroffenen und besonders präzisen US-Raketenwerfer HIMARS ein. Seitdem nimmt Kiew diese 1366 Meter lange Brücke immer wieder unter Beschuss und stört damit die Versorgung russischer Truppen am rechten Ufer des größten ukrainischen Flusses: Dnipro. Der damalige und weitere ähnliche Schläge dienten der Vorbereitung einer Gegenoffensive, die Ende August begonnen hatte.

Auch andere Brücken und russische Waffendepots in der Region werden immer wieder beschossen. In den ersten Septembertagen meldete Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj die Rückeroberung einiger Ortschaften. Der Kampf um Cherson könnte eines der wichtigsten Kriegsereignisse im Herbst werden.

Süßwasser für die Krim  

Das gesamte Gebiet Cherson wurde von Russland in den ersten Tagen des Überfalls vollständig erobert. Der militärische Widerstand war gering. Die Gebietshauptstadt Cherson, in der zuvor rund 280.000 Menschen lebten, wurde Anfang März besetzt. Amateuraufnahmen zeigten, wie dort ukrainische Zivilisten gegen russische Truppen protestiert hatten. Die meisten Bewohner sind russischsprachig. Keine andere Region der Ukraine wurde so schnell besetzt. Wie das passieren konnte, ist bis heute unklar. Es ist eine der schmerzhaften Fragen für die Kiewer Regierung. 

Ukrainer protestieren in Cherson gegen russische die Besatzung (5. März 2022)

Mit rund 28.500 Quadratkilometern ist das Gebiet Cherson fast so groß wie Belgien. Die Landschaft ist von Steppen geprägt – großen weiten Flächen soweit das Auge reicht. Strategisch ist das die wohl wichtigste Region der Südukraine, denn sie verfügt über Zugang zu zwei Meeren: dem Asowschen Meer im Osten und dem Schwarzen Meer im Westen. Noch wichtiger: Über das Gebiet Cherson verläuft die einzige Landverbindung zur Krim. Es ist das Tor zu der 2014 von Russland annektierten Halbinsel. Und dieses Tor blieb beim russischen Überfall weitgehend offen. Es wurden keine Brücken gesprengt, die den Aufmarsch hätten aufhalten können. Große russische Verbände konnten von der Krim aus Hunderte Kilometer nach Norden vorstoßen.

Russlands wohl wichtigstes Ziel dabei war der Nordkrimkanal, der bei Nowa Kachowka, rund 80 Kilometer östlich von Cherson, beginnt und in Kertsch auf der Krim endet. Die Halbinsel leidet an Wassermangel und wurde seit Sowjetzeiten über diesen Kanal mit Süßwasser aus dem Dnipro versorgt. Nach der Annexion stoppte die Ukraine den Wasserfluss, was zu Problemen für die wasserintensive Landwirtschaft auf der Krim führte. Russische Truppen sprengten den 2014 gebauten Damm und ließen das Wasser wieder fließen.

Wassermangel auf der Krim bei Simferopol, 2020

Gleichzeitig konnte die russische Armee mit der Besetzung von Cherson und anderen Städten in der unteren Strömung des Dnipro den für die Ukraine wichtigen Wasserweg zum Schwarzen Meer sperren. 

Hauptstadt der Wassermelonen

Cherson ist bekannt vor allem für seinen Schiffsbau. Die Stadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts im damaligen russischen Reich in der Mündung des Dnipro gegründet und nach der antiken griechischen Krim-Siedlung Chersones genannt. Cherson verfügt über den ältesten Seehafen an der ukrainischen Schwarzmeerküste. Hier wurden erste Kriegsschiffe für die russische Schwarzmeerflotte gebaut. Seit der Sowjetzeit spezialisiert sich Cherson auf zivile Frachtschiffe, darunter Tanker. Im Februar 2022, wenige Tage vor dem russischen Einmarsch, verkündete die Werft die Unterzeichnung eines Vertrags über den Bau von vier Frachtern für die Niederlande. 

Wenn Ukrainer an Cherson denken, fallen den meisten als Erstes nicht nur Schiffe, sondern Wassermelonen und Tomaten ein. Vor allem die Wassermelonen aus Cherson sind legendär. Jedes Jahr ab August sind ukrainische Geschäfte voll mit den süßen Kürbisgewächsen. Nicht in diesem Jahr. In sozialen Netzwerken sind Bilder ukrainischer Soldaten mit einer Wassermelone in der Hand zu einem Symbol der Rückeroberung geworden. 

Die Region Cherson ist berühmt für ihren Obst- und Gemüseanbau. Die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche ist mit rund zwei Millionen Hektar die größte in der Ukraine. Das ist fast doppelt so viel wie in den Niederlanden. Kein Wunder, dass in der Stadt Kachowka 1993 der erste ukrainische Ketchup-Hersteller gegründet wurde: die Firma “Tschumak”. Sie gilt als eine der Erfolgsgeschichten in der unabhängigen Ukraine. Auf seiner Webseite verweist das von zwei Schweden gegründete Unternehmen stolz darauf, das größte Gurkenfeld in Europa zu besitzen. Die Stadt Kachowka wurde am ersten Kriegstag von russischen Truppen besetzt. “Tschumak”, aktuell die Nummer zwei auf dem ukrainischen Markt, stellte die Produktion ein und verlegte die Zentrale nach Kiew.

Keine schnelle Rückeroberung

Wegen seiner Lage nahe der Krim dürfte Russland das besetzte Gebiet Cherson und vor allem den Nordkrimkanal besonders hart verteidigen. Beobachter in der Ukraine aber auch im Westen rechnen mit einem langen Kampf und gehen davon aus, dass die ukrainische Armee keine Frontaloffensive wagt. Dafür habe die Ukraine nicht genug Kräfte.

Stattdessen sei Kiews Kalkül: mit lokalen Angriffen russische Truppen zu verdrängen. Neben einigen befreiten Dörfern konnte die Ukraine einen zusätzlichen Erfolg mit ihrer Gegenoffensive verbuchen: Ein “Referendum” für Anschluss an Russland nach dem Krim-Vorbild wurde verschoben.

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