Meinung: Ein Jahr Wegschauen und Vergessen – Jahrestag der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan | DW

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Schulter an Schulter. Shona ba Shona. So lautete die Devise der internationalen Truppen in Afghanistan. Gemeinsam mit der afghanischen Armee und Polizei, das beteuerten sie damals, wollten sie sich entschieden gegen den Terrorismus stellen und die Taliban bekämpfen. Heute, ein Jahr nach der erneuten Machtübernahme der Taliban, wissen wir, dass dieses Versprechen nichts wert war. Hatten sie überhaupt vor, es dauerhaft einzulösen?

Denn dieselben Taliban, die als Terroristen in blutigen Auseinandersetzungen 20 Jahre lang bekämpft wurden, sind nicht erst seit ihrer Machtübernahme in Kabul akzeptierte Gesprächs- und Verhandlungspartner. Dieser Kampf hat etwa 47.600 afghanische Zivilisten das Leben gekostet. Mehr als doppelt so viele Menschen wurden verletzt. Millionen von Afghaninnen und Afghanen sind tief traumatisiert.

Heute Freund, morgen Feind

Und jetzt? Heute werden die Taliban als de-facto Machthaber hofiert und ihre Vertreter in Kabul besucht, während ehemalige Soldaten und Polizisten der afghanischen Armee verfolgt und ermordet werden. Wie passt das zusammen? Die einen waren einst Terroristen und sind heute legitime Ansprechpartner. Mit den anderen übte man über Jahre den Schulterschluss, doch sie sind heute vergessen.

Waslat Hasrat-Nazimi leitet die Afghanistan-Redaktion

Was auf den ersten Blick unlogisch erscheinen mag, ist ein regelmäßiges Verhaltensmuster der USA. Im Laufe der Geschichte unterstützten sie immer wieder militante Gruppen, die sie danach zu Feinden erklärten – und andersherum. In Afghanistan traf das zunächst auf die antisowjetischen Mudschaheddin zu, später dann auf die Taliban, die überhaupt nur mit amerikanischer, pakistanischer und saudischer Unterstützung entstehen konnten.

Um diese strategischen Irrtümer zu verbrämen, wurde vor allem der Einsatz für Frauenrechte und Mädchenschulen in den medialen Vordergrund nach der Intervention im Oktober 2001 gerückt. Dabei blieben Nation Building, Demokratisierung und Menschenrechte nur leere Worthülsen, die die Öffentlichkeit für den sogenannten “Krieg gegen den Terror” überzeugen sollten. Vor einem Jahr sagte der US-Präsident Joe Biden in einer Ansprache, dass die USA nie in Afghanistan gewesen seien, um Nation Building zu betreiben. Ein krasser Widerspruch zum US-Narrativ im Jahr 2001!

Geopolitische und wirtschaftliche Interessen

Spätestens nach dem überstürzten Abzug der US-Truppen, seit man die Afghanen, allen voran die afghanischen Frauen im Stich ließ, ist jedem klar, dass die wahren Interessen geopolitischer und wirtschaftlicher Natur waren. Niemand hat so gut an diesem Krieg verdient wie die US-amerikanischen Rüstungsfirmen. Heute hungern in Afghanistan 95 Prozent der Menschen. Doch wird niemand für dieses Desaster verantwortlich gemacht

Auch Deutschland hat sich vor einem Jahr nicht eben mit Ruhm bekleckert: Die Bundesregierung war nicht in der Lage, eine saubere und verantwortungsvolle Evakuierung aller Helferinnen und Helfer zu organisieren. Weil die staatlichen Stellen zu ängstlich und zögerlich waren, musste die deutsche Zivilgesellschaft die größte Last tragen. Noch heute warten Tausende Menschen – darunter weiterhin Ortskräfte der Bundeswehr, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und deutscher NGOs sowohl in Afghanistan, als auch in Drittstaaten auf ihre Ausreise. Zwar wurde inzwischen ein Untersuchungsausschuss des Bundestags eingerichtet, aber inhaltlich ist dort noch nichts passiert.

Regierung Ghani sitzt unbehelligt im Exil

Der internationale Strafgerichtshof versuchte jahrelang mögliche Kriegsverbrechen zu untersuchen, stieß jedoch auf massiven Widerstand – vor allem aus den USA. Schlussendlich wurde das Thema fallen gelassen. Das darf nicht so bleiben. Dabei nehme ich die korrupte afghanische Regierung nicht aus: Der ehemalige Präsident Ghani und sein Kabinett sollten vor Gericht aussagen, wie sie zu der Machtübernahme der Taliban beigetragen haben. Warum sitzen sie bequem und unbehelligt im Ausland, während in Afghanistan die Bevölkerung hungert, Frauen systematisch unterdrückt, ethnische und religiöse Minderheiten verfolgt werden?

Und schließlich müssen auch wir Journalistinnen und Journalisten, die jahrelang über Afghanistan geschrieben haben, darüber nachdenken, was wir hätten anders machen können. Wie hätten wir noch besser recherchieren, das Thema zugänglicher machen können? Leider sehe ich auch hier bei vielen meiner Kolleginnen und Kollegen kaum ein entsprechendes Bewusstsein.

Die vergangenen zwölf Monate hätten ein Jahr der Besinnung, der Einkehr und der Aufarbeitung sein können. Ein Jahr der Unterstützung und des Beistands – Schulter an Schulter. Stattdessen war es ein Jahr des Wegschauens und Vergessens. Und in Afghanistan? Da würden die Menschen ebenfalls gerne wegschauen und vergessen – aber sie sind es, die für die Fehler des Westens büßen müssen. An ihrer Seite steht niemand.

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