Robert Habeck, der Gaspreis und die Angst vor Insolvenz | DW

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Brot, Brötchen, Kuchen und Törtchen – “Wir sind eine klassische Handwerksbäckerei, in der vorne verkauft wird, was hinten aus dem Ofen kommt”, so wirbt Tobias Plaz für seinen Betrieb im süddeutschen Eutingen, einem Dorf südwestlich von Stuttgart. Seit 1890 gibt es den Familienbetrieb, Plaz ist Bäckermeister in der vierten Generation. Im vergangenen Jahr erst hat er sein Ladengeschäft komplett umgebaut, durch eine Glasscheibe können die Kunden von der Theke aus zusehen, wie im hinteren Teil gebacken wird.

Doch gerade weiß Tobias Plaz nicht mehr, wie er sein Geschäft noch wirtschaftlich weiterführen soll. Ende August bekam er Post von seinem Gasversorger. Statt bislang knapp zehn Cent pro Kilowattstunde Gas soll er nun knapp 35 Cent bezahlen. Rund 80.000 Kilowattstunden Gas werden allein für Heizung und Warmwasser im Unternehmen verbraucht. Der monatliche Abschlag des Gasversorgers erhöht sich ab dem 1. Oktober 2022 von 721 auf auf 2588 Euro. Die Energiekosten für den Backofen sind da noch gar nicht mit drin. Dafür hat Plaz bis Ende des Jahres noch einen laufenden Gas-Vertrag zu den alten Konditionen.

Bäcker: 360 Prozent Kostensteigerung allein beim Gas 

Die Backöfen verbrauchen pro Jahr 120.000 Kilowattstunden Gas. Wenn der Bäcker dafür ab 2023 ebenfalls 35 Cent pro Kilowattstunde zahlen muss, erhöhen sich die Belastungen noch einmal gewaltig. “Diese Informationen wollen wir mit Euch teilen, damit Ihr Verständnis habt, wenn wir die Preise für unsere Backwaren anpassen müssen”, schreibt der Bäcker auf Facebook und Instagram, wo er ein Foto von der Mitteilung seines Gasversorgers mit den neuen Abschlagszahlungen postete.

Die Preise für den Strom und die Kosten für Rohstoffe würden ebenfalls steigen, schreibt er und fügt hinzu: “Wo soll das noch enden? Liebe Politiker in Stuttgart und Berlin, wann wacht Ihr endlich auf und werdet vernünftig?”

Insolvenz: Jedes dritte Unternehmen gefährdet

Ein Weckruf, der von der Bundesregierung zunächst scheinbar nicht gehört wurde. Das Entlastungspaket, das SPD, Grüne und FDP gerade vereinbart haben, zielt vor allem auf Privatleute, die Wirtschaft bleibt weitgehend außen vor. Entsprechend negativ fiel das Echo der Wirtschaftsverbände aus. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sprach von “erheblichen Mängeln und Lücken im Entlastungspaket” für Firmen.

Der Papierhersteller Hakle ist wegen der hohen Energiekosten zahlungsunfähig

Inzwischen hat der BDI seine Kritik mit einer Umfrage unter Industrieunternehmen bekräftigt. Darin heißt es, für 58 Prozent der Betriebe seien die explodierenden Energiekosten “eine starke Herausforderung”, für 34 Prozent gehe es um die Existenz. Letzteres hatten im Februar erst 23 Prozent gesagt. Laut BDI hat fast jedes zehnte Unternehmen in Deutschland seine Produktion bereits gedrosselt oder sogar unterbrochen.

Wer soll die hohen Preise bezahlen?

Das gilt auch für das Handwerk. “Jeden Tag erreichen uns Notrufe von Betrieben, die kurz davor sind, ihre Produktion einzustellen – auch weil sich diese enormen Energiepreissteigerungen nicht mehr durch Preiserhöhungen kompensieren und an die Kunden weitergeben lassen”, warnt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Handwerks, in einem Zeitungsinterview. Die Dynamik bei Pleiten sei viel schlimmer als in den Hochphasen der Corona-Pandemie.

Beispiele für die Krise gibt es jeden Tag mehr. Der Toilettenpapierhersteller Hakle hat Insolvenz angemeldet und begründet die Zahlungsunfähigkeit damit, dass der Kostenanstieg nicht über die Preise im Einzelhandel aufzufangen sei. Der Stahlkonzern Arcelor Mittal hat zwei Produktionsanlagen in Norddeutschland gestoppt und seine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt: Die staatliche Arbeitslosenversicherung springt ein und zahlt die Löhne.

Deutschland droht eine Rezession

Stellt ein Unternehmen seine Produktion ein, dann hat das oft weitreichende Folgen für andere Wirtschaftszweige und Verbraucher. Nachdem die Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt ihre Ammoniak-Anlagen nicht mehr wirtschaftlich betreiben können und sie deshalb heruntergefahren haben, liefert die Firma kein Adblue mehr. Das ist die Harnstofflösung, die in modernen Dieselfahrzeugen – also auch in Lieferwagen – für die Abgasreinigung sorgt. 

Die Hochöfen in der Stahlbranche brauchen enorm viel Energie

Ökonomen rechnen damit, dass Deutschland auf dem Weg in eine Rezession ist – vergleichbar mit dem Einbruch in der Corona-Pandemie. Die Bundesregierung müsse schleunigst Entlastungsprogramme und Härtefall-Lösungen für die Wirtschaft auf den Weg bringen, fordern die Wirtschaftsverbände unisono. Das dämmert wohl auch der Bundesregierung, die in der Energie- und nun auch Wirtschaftskrise zunehmend unter Druck steht.

Minister Robert Habeck und die Insolvenz

Wie sehr, dass zeigte sich beim Auftritt des sichtbar erschöpften Bundeswirtschaftsministers in der ZDF-Sendung “Maischberger”. Ob er eine Insolvenzwelle fürchte, wurde Robert Habeck gefragt. Beim offensichtlichen Versuch, die Situation weniger dramatisch erscheinen zu lassen, verhaspelte sich Habeck dermaßen, dass die Republik rätselte, ob er den Unterschied zwischen einer Insolvenz, also Zahlungsunfähigkeit, und einer Betriebsschließung nicht kennt.

Inzwischen hat Habeck mehr Unterstützung für die Wirtschaft angekündigt. “Wir werden die deutschen Unternehmen und den deutschen Mittelstand schützen”, sagte er im Deutschen Bundestag. Für den Herbst und Winter sind Finanzhilfen angedacht, für die Unternehmen soll ein “Schutzschirm” aufgespannt werden, vergleichbar mit den Hilfen in der Corona-Pandemie. Bereits im Oktober sollten Unternehmen, die ihre Produktion zurückfahren, um Gas zu sparen, finanziell entschädigt werden. “Putins Angriff zielt auch auf unser Wirtschaftssystem”, sagte Habeck mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den Krieg in der Ukraine.

Keine Subventionen auf Dauer

Die Finanzhilfen sollen für eine begrenzte Zeit gezahlt werden, bis Anstrengungen auf nationaler und europäischer Ebene zur Dämpfung der hohen Strom- und Gaspreise wirken würden, kündigte Habeck an. Doch wird das ausreichen? Steffen Müller, Professor am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gibt zu bedenken, dass steigende Energiepreise, aber auch steigende Kreditzinsen kein vorübergehendes Phänomen sind, sondern mittel- und langfristig bleiben würden.

Kann ein Unternehmen seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, dann muss es das öffentlich bekannt geben

“Hilfsprogramme, die lediglich eine bestimmte Krisenzeit überbrücken können, verschieben in dieser Situation die Probleme in erster Linie zu Lasten des Steuerzahlers um ein paar Monate in die Zukunft”, schreibt Müller auf Anfrage der DW: “Maßnahmen, die eine Zeitlang die Energiepreise senken, sind ebenfalls nicht sinnvoll, da sie Anreize zum Energiesparen nehmen. Genau das können wir uns nicht erlauben.”

Die Krise beschleunigt den Strukturwandel

Sinnvoller seien zinsgünstige Kredite, argumentiert Müller, die mit der Maßgabe vergeben werden sollten, auf energiesparende Produktionsverfahren umzurüsten. “Der Kern des Arguments ist, dass die Energiepreise auch nach diesem Winter nicht wieder zurück auf das Niveau der letzten Jahre fallen werden. Es ändert sich also strukturell etwas.”

Normalerweise sei es Aufgabe der Unternehmen, sich darauf einzustellen, schreibt der Wissenschaftler. In einem “krisenhaft stark beschleunigten Strukturwandel hin zu einer grüneren Industrie” könne der Staat aber helfen und die Unternehmen begleiten.

Mitarbeit: Klaus Ulrich

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